Führung in Krisenzeiten bedeutet, inmitten von Unsicherheit, Komplexität und Unplanbarkeit handlungsfähig zu bleiben. Klassische Instrumente des Managements stoßen hier oft an ihre Grenzen: Strategien verlieren schneller an Gültigkeit, Prognosen sind fragil, Routinen werden durchbrochen.
Umso mehr rücken Haltungen, Kompetenzen und Erfahrungsräume in den Vordergrund, die die Fähigkeit stärken, flexibel und zugleich verbindlich zu agieren. Ein überraschender, aber hochwirksamer Resonanzraum für diese Lernerfahrung ist das Improvisationstheater.
Improvisation als Haltung: Das „Ja, genau, und dann …“
Impro ist nicht nur eine Methodik, sondern vor allem eine Haltung. Wer auf der Bühne ohne Drehbuch agiert, lernt schnell, dass eine Szene nur dann weitergeht, wenn alle Beteiligten die Situation annehmen. Das „JA zur Situation“ und das „JA zu den Mitspielenden“ bilden die Grundlage für Kooperation.
Nicht zufällig existiert im Improtheater die Übung „Ja genau, und dann …“. Hierbei wird jeder Impuls nicht in Frage gestellt, sondern affirmativ aufgenommen und weiterentwickelt. Das Ergebnis ist eine sich fortwährend entfaltende Geschichte, die immer neue Wendungen nehmen kann.
Die Erfahrung mit der Übung zeigt jedoch, dass dieser Modus keineswegs selbstverständlich ist. Stattdessen drängt sich bei Spielenden oft das „Ja, aber …“ auf. Diese Aber-Haltung, verschließt Türen, statt sie zu öffnen.
Im organisationalen Kontext ist der Unterschied ebenso deutlich spürbar: „Ja, aber …“ bremst Innovation, dämpft Motivation und erzeugt Blockaden. „Ja, genau, und dann …“ hingegen stärkt psychologische Sicherheit, regt Kreativität an und schafft Räume für gemeinsame Lösungsentwicklung.
Veränderung in Echtzeit: Die Übung „Neue Wahl“
Ein weiteres Beispiel für die Übertragbarkeit von Improübungen in die Führungspraxis ist die Übung „Neue Wahl“. Hier spielt eine Gruppe eine Szene, bis ein Signal ertönt. Dann muss der letzte Satz komplett anders formuliert werden. Alle Beteiligten sind gezwungen, unmittelbar zu reagieren, die veränderte Realität zu akzeptieren und die Handlung gemeinsam fortzuführen.
Für Führungskräfte eröffnet diese Übung einen unmittelbaren Zugang zur Erfahrung, wie es ist, in Echtzeit auf Veränderung reagieren zu müssen. Anstatt an einer „ursprünglich geplanten“ Lösung festzuhalten, lernen die Beteiligten, Wandel nicht als Störung, sondern als Ressource für kreative Weiterentwicklung zu verstehen.
Dies entspricht exakt der Herausforderung, der sich Organisationen in Zeiten multipler Krisen stellen müssen: flexibel auf externe Impulse reagieren und dennoch Orientierung stiften.
Von der Bühne in den Führungsalltag
Die Übertragung dieser Erfahrungen auf die Führungspraxis zeigt sich in mehreren Dimensionen:
- Annahme statt Abwehr: Führungskräfte lernen, Signale aus ihrem Umfeld nicht vorschnell zu bewerten oder abzuwehren, sondern aufzugreifen und produktiv zu integrieren.
- Ko-Kreation statt Kontrolle: Wie im Improtheater wird Führung zu einem gemeinsamen Gestaltungsprozess, in dem die Beiträge aller Beteiligten Raum finden.
- Handlungsfähigkeit trotz Unsicherheit: Statt auf vollständige Information zu warten, wird das situative Handeln geübt. Und genau das ist ein essenzielles Element für Krisenkontexte.
Einstieg und Erfahrbarkeit
Für viele Führungskräfte wirkt Improvisationstheater zunächst ungewohnt oder gar befremdlich. Der Einstieg gelingt jedoch leichter, als es auf den ersten Blick scheint: Bereits einfache Übungen wie „Ja, genau, und dann …“ oder „Neue Wahl“ schaffen Erfahrungsräume, in denen abstrakte Führungsherausforderungen unmittelbar erlebbar werden.
Wichtig ist weniger schauspielerisches Talent als vielmehr die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und die eigene Komfortzone zu verlassen. Das erfordert nicht mehr, als etwas Mut und Vertrauen in den Prozess.
In Workshops und Trainings wird dadurch erfahrbar, was Führung in Krisenzeiten benötigt: Offenheit, Flexibilität, Mut zur Kooperation und die Fähigkeit, aus Unsicherheit heraus konstruktiv zu handeln.
Improvisationstheater bietet damit nicht nur ein spielerisches Format, das Spaß bringt und für viele Lacher sorgt. Es kann auch eine tiefgreifende Lernumgebung sein, die Führungskräfte nachhaltig für die Herausforderungen unserer Zeit stärkt.


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